Marie Noëlle

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"Mehr als ein extravaganter Egozentriker" 02.01.2013

Das Regieduo Peter Sehr und Marie Noëlle über ihr Verständnis von "Ludwig II." für das neue Jahrtausend - jenseits der bekannten Klischees vom "Märchenkini".

Am 26. Dezember startet "Ludwig II." in den deutschen Kinos. Blickpunkt:Film sprach mit dem Regisseuren Peter Sehr und Marie Noëlle über die Historienverfilmung.
Warum nach Werken von Syberberg, Käutner oder Visconti einen weiteren Ludwig-Film?
PETER SEHR: Wir hätten "Ludwig II." nie realisiert, wenn man damals den wirklichen Ludwig dargestellt hätte. Es fehlten zu der Zeit noch viele Infos. Wir stützen uns auf direkte Quellen, wie bisher noch nicht veröffentlichte Augenzeugenberichte, Tagebücher und Briefe.
MARIE NOËLLE: Wir wollten einen Film, der ins 21. Jahrhundert passt, deshalb setzen wir auf Emotionalität und Empathie für die Figur, die dem Stand der historischen Forschung entspricht. Ludwig ist nicht nur der extravagante und egozentrisch stilisierte Mensch, wie bisher dargestellt, sondern er verfügte durchaus über einen politischen Willen und scheiterte letztendlich am Machtapparat.
Mit einem 16-Mio.-Euro-Budget ist die deutsch-österreichische Koproduktion einer der teuersten deutschsprachigen Filme. Sorgte das für besonderen Druck?
MN: Bei einem solchen Film, der von einem großen Unternehmen wie der Bavaria produziert wird, hat man ein Riesenteam und mehr Organisationsaufwand, Tarifverträge, an die man sich halten muss. Ein Korsett, was wir bisher so nicht kannten. Dafür stehen aber auch hochprofessionelle Leute bereit, die mit ihrem Talent sehr viel abfangen. Bei den letzten zwei Drehbuchfassungen mussten wir einige Motive herausstreichen, um Kosten zu sparen. Künstlerisch ist der Druck bei einem Film immer der gleiche, egal, wie viel er kostet. Vor dem Filmstart nimmt natürlich die Anspannung zu. Angesichts des Inhalts und Budgets hofft man natürlich auf ein breites Publikum und wünscht sich so viele Zuschauer wie möglich.
PS: Wir sollten nicht nur von Deutschland sprechen. In jedem Jahr zählen die Schlösser drei Mio. Besucher, die Hälfte aus dem Ausland. Da gibt es auch ein hohes Zuschauerpotenzial, für den Kinofilm wie für die DVD. Unser Weltvertrieb Global Screen präsentierte während der Filmfestspiele in Cannes einen kleinen Trailer und stieß damit auf sehr positive Resonanz und große Faszination.
MN: Es geht nicht nur um eine bayerische Geschichte, sondern um eine universelle, um Fragen, die jeden Menschen bewegen.
Wie war Ihre Herangehensweise an diesen "amphibischen" Film?
MN: Wir haben unterschiedliche Drehbücher erstellt. Beim Kino vertrauen wir mehr auf die Kraft der Bilder, beim Fernsehen ist die Aufmerksamkeit anders, das erfordert eine ausführlichere Erzählweise. Wir haben blockweise gedreht. Von der Machbarkeit her und von der ästhetischen Umsetzung gibt es keinen Unterschied, nur das Format ist anders. Wir haben in Cinemascope und 16:9 formatiert. Auf keinen Fall wollten wir aus dem Fernsehteil Kino machen.
PS: Unsere Priorität ist das Kino. Deshalb haben wir uns auf die Kinodramaturgie konzentriert und diese für das Fernsehen angereichert. Es war von Anfang an klar, dass bestimmte Szenen nur fürs Fernsehen gedreht werden.
Acht Jahre der Beschäftigung mit Ludwig II. - reicht es Ihnen jetzt?
MN: Es war nicht einfach, sich mit dieser Figur anzufreunden, aber ich habe ihn liebgewonnen und lasse ihn wie ein Kind nicht im Stich. Diese acht Jahre haben unser Leben geprägt. Wir haben noch nie so harte Kämpfe ausfechten müssen. Einzeln und ohne unsere obsessive Beharrlichkeit hätten wir es nicht geschafft. Wenn einer von uns beiden schwächelte, hat ihn der andere wieder ermuntert, nicht aufzugeben und den Weg weiterzugehen. 72 Drehtage und 112 Sets, ein riesiges Ensemble. Das ist eine große Herausforderung. Aber wir haben den Drehplan hundertprozentig eingehalten.
Wie arbeiten Sie zusammen?
MN: Als gut eingespieltes und sehr organisches Team. Ich bin etwas mehr für das Schreiben zuständig. Im Vorfeld proben wir viel mit den Schauspielern, lesen wie für Theaterproben. Am Set herrscht dann Konsens; jeder weiß, wie die Figur konzipiert ist und hat seine Identität mit ihr gefunden.
PS: Unsere unterschiedlichen Blickwinkel eröffnen auch außergewöhnliche Chancen. Bei einem unüberbrückbaren Dissens drehen wir beide Perspektiven und entscheiden am Schneidetisch.
Sehnen Sie sich jetzt nach einem kleinen und überschaubaren Projekt?
MN: Nach zwölf Drehbuchfassungen für "Ludwig II." plane ich etwas Leichteres. Die erste geförderte Drehbuchfassung für "Madame Curie" steht. Ein Befreiungsschlag. Ich hoffe, dass wir Anfang des Jahres in Preproduction gehen können. Ein Kammerspiel, aber kein Biopic, mit kleinem Budget und nur sieben Figuren.
PS: Den Film produziere ich mit P'Artisan und Koproduzenten in Frankreich und Polen. Und dann hoffe ich endlich auf die Verfilmung von "Lichtenberg - Mountain of Light", die ich wegen "Ludwig II." zurückstellen musste. Hans Magnus Enzensberger mokiert sich in "Meine Lieblingsflops" über das Filmprojekt und seinen "langwierigen Weg" durch zahllose deutsche Gremien. Die Finanzierung ist hier ein großes Risiko. Aber wir werden diesen Kinostoff auf die Leinwand bringen, allein schon, um ihm unser Ausdauervermögen zu beweisen.
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